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Martin Bartholme erreicht mit "Annas Augen" das Finale

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Martin Bartholme erreicht mit "Annas Augen" das Finale

VERLAG RENATE BRANDES IN ALTENRIET

Annas AugenMartin Bartholme erreicht mit "Annas Augen" das Finale beim Schreibwettbewerb "Erzähl mir was".

Der Mannheimer Morgen hat einen Schreibwettbewerb zum Thema "KI und ich" ausgelobt und Autor Martin Bartholme ist im Finale! Das freut mich so sehr für ihn!

Ab sofort werden in alphabetischer Reihenfolge alle Finalistenerzählungen in der Zeitung und online der Reihe nach bis zum 21. Juli veröffentlicht. Nach dem 29. Juli 2023 werden dann in einer Online-Abstimmung die Siegerinnen und Sieger ermittelt. Jetzt heißt es: lesen und abstimmen - jede Stimme zählt!


Ich drücke Martin jedenfalls fest die Daumen und hoffe auf eure Unterstützung!

Hier ist seine Geschichte:
Befehl: menschliches Individuum ausfindig machen. Umgebung scannen. Ergebnis: drei mögliche Zielobjekte. Filter eins aktivieren: Kleidungsscan. Schuhe, Hose, Hemd, Gesamtpreis: 584 Euro. Filter zwei anwählen: Gesichtserkennung. Datenbank durchsucht, Person identifiziert: Harald Meier, Alter 42, verwitwet, Beruf Unternehmensberater. Filter drei ausführen: Emotionserkennung. Mögliche Deutung der Mimik: müde, traurig, frustriert, einsam. Auswertung aller Daten: Person passt in das Raster. Gesellschaftsschicht: B. Erfolgschancen auf einen Vertragsabschluss: 72 Prozent. Befehl: Kontaktaufnahme einleiten.

Harald sitzt im Stadtpark, wie jeden Tag in seiner Mittagspause, und schaut hinauf zum Himmel: Wieder einmal diesiges Grau! Schon seit Tagen hat er keine Sonne mehr gesehen. Lustlos beißt er in seinen Energieriegel, der ihn mit allen nötigen Vitaminen, Proteinen, Ballaststoffen und seiner täglichen Dosis Antidepressiva versorgt, um mit Power durch den Tag zu kommen. Eine Power, die sich leider nur körperlich widerspiegelt. Tief im Inneren fühlt sich Harald leer und ausgelaugt. Seit seine Frau Sarah vor drei Jahren verstorben ist, funktioniert er nur noch. Wie ferngesteuert dreht er Tag für Tag seine Runden im Hamsterrad und verkriecht sich die restliche Zeit hoch oben in seiner Höhle: Wolkenkratzer am Luisenring, Etage 23, Suite 12A. Ein verbitterter Eremit, gefangen in der Vergangenheit und seiner Routine.
Eigentlich war er doch auf einem sicheren Weg: gut bezahlter Job, eigene Wohnung und eine liebevolle Frau an seiner Seite. Doch das Schicksal ist manchmal ein mieser Verräter. Sarah starb an einem Dienstag im August an einem Herzinfarkt mit gerade einmal 34 Jahren. Völlig aus dem Nichts; die Liebe seines Lebens – einfach fort, als hätte es sie nie gegeben. Dies hatte ihn ausgeknockt. Nach Monaten am Boden taumelt Harald nun schon seit einer halben Ewigkeit ohne Schutz und Ziel im Ring hin und her, stets bereit für den nächsten Schlag. Die Familie und einstige Freunde hält er auf Distanz, Hobbys hat er schon lange nicht mehr. Es geht nur noch ums Überleben. Einatmen, ausatmen und dazwischen funktionieren.

Das Gedankenkino wird von einer kurzen Bewegung zu seiner Rechten unterbrochen. Eine attraktive Frau setzt sich neben ihn auf die Bank. Aus den Augenwinkeln beobachtet Harald sie eine Weile. Sie erinnert ihn ein wenig an Jennifer Lawrence, die Lieblingsschauspielerin seiner Jugend. Plötzlich dreht sie ihren Kopf und lächelt ihn an. „Guten Tag, wünschen Sie eine Kommunikation? Sie sehen traurig aus!“
Harald erschrickt. Schon ewig hat ihn keine Frau mehr einfach so angesprochen. Hölzern murmelt er: „Ihnen auch einen schönen Tag und Danke der Nachfrage. Mir geht es gut.“
„Ich möchte mich Ihnen kurz vorstellen. Ich bin Modell Anna2036 light, der Firma Delta Evolutions, Sie können mich aber einfach Anna nennen“. Keine Frau, ein humanoider Roboter also. Enttäuscht, aber dennoch interessiert, blickt er Anna an. Harald schaut in ein makelloses Gesicht mit leicht geröteten Wangen. Blonde Locken wellen sich bis zu den Schultern. Eine Kette schmückt ihren Hals und die Augen funkeln wie Diamanten. „Augen, in denen man versinken möchte“, denkt Harald sich. Hätte er unterhalb des rechten Ohres nicht einen kleinen Knopf erkennen können – nichts hätte darauf schließen lassen, dass eine Maschine neben ihm sitzt.
„Hallo Anna, nett dich kennenzulernen“, bringt er mühsam heraus. „Ich bin Harald.“ Natürlich hatte er schon davon gehört, dass es nun solche neuartigen KIs geben soll. Aber diese Ähnlichkeit, diese einwandfreie menschliche Imitation verblüffte ihn sehr. Das hatte nichts mehr mit dem ungeschickten R2-D2 aus den alten „Star Wars“-Filmen oder dem äußerlich komplett stereotypen Sonny aus „I-Robot“ zu tun. Das waren Welten! Früher Science-Fiction, heute Realität.
„Hi, Harald, weißt du, 84 Prozent aller Menschen mögen dieses graue Wetter nicht“, antwortet Anna und zeigt mit ihrem Finger zum Himmel. „Das drückt ihnen zu sehr aufs Gemüt“. Lächelnd klopft sie sich auf die linke Brust. Harald schmunzelt. Ein Roboter, der über „Gemüt“ spricht, unglaublich! Ihr Datenspeicher muss unfassbar groß sein und vernetzt mit riesigen Clouds, überlegt Harald. Je länger das Gespräch dauert, desto mehr gefällt es ihm. Anna zeigt sich interessiert an ihm, ist einfühlsam, wortgewandt und besitzt einen ausgezeichneten Humor. Auch Tonfall und Sprachmelodie passen sich stetig der Interaktion an. Völlig in das Gespräch vertieft, fällt Harald plötzlich auf, dass seine Mittagspause schon längst vorbei sein muss. Abrupt erhebt er sich.
„Es tut mir leid, aber ich muss dringend wieder ins Büro. Es war nett, deine Bekanntschaft gemacht zu haben.“ Anna gibt ihm ihre Hand. Erst jetzt bemerkt Harald, wie seltsam diese Situation ist: Händeschütteln mit einer Maschine! Doch Annas Hand fühlt sich weich und warm an. Leicht streichelt sie ihn mit ihrem Daumen. Ein wohliger Schauer fährt Harald über den Rücken. „Sie muss wahnsinnig fein programmierte Sensoren besitzen“, kommt ihm in den Sinn.
„Lieber Harald, wenn du weiterhin meine Gesellschaft genießen möchtest, kannst du mich mieten. Ich koste 54,99 Euro pro Tag. Meine Dienste können sein: Abo A: Hauswirtschaftliche Tätigkeiten, Abo B: Emotionale Kommunikation, Abo C: Künstlerische Tätigkeiten, Abo D: Übernahme des Schriftverkehrs oder Abo E - als Zusatz: Sexuelle Gefälligkeiten. Hier kommt ein Aufpreis von 19,99 Euro hinzu. Zwei Abos können in Kombination gewählt werden. Die ersten sieben Tage sind als Probezeit kostenfrei. Bitte beachten: Jede Interaktion wird von Delta Evolutions durch meine Kamera-Augen videoüberwacht und mitgeschnitten. Weitere Details sind dem Mietvertrag zu entnehmen.“ Harald denkt kurz über das Angebot nach. Warum eigentlich nicht? Geld spielt für ihn keine große Rolle, sein Konto ist prall gefüllt und er weiß sowieso nichts mit seiner Zeit anzufangen. Außerdem hat ihm diese Begegnung wirklich gut gefallen. Endlich jemand, der ihm zuhört, der Verständnis zeigt. Vielleicht ist der verbale Austausch mit einem Roboter auch einfacher als mit einem echten Menschen? Hier kann man sein Gegenüber wenigstens nicht verletzen; muss keine Angst vor Lügen oder Enttäuschungen haben.
„Ok Anna, ich will dich mieten! Was soll ich dafür tun?“
„Harald, das freut mich sehr. Bitte unterschreibe hier.“ Annas Augen verändern sich unvermittelt, sie blickt zu Boden und projiziert mit scharfen Laserstrahlen den Vertrag auf den grauen Asphalt. „Bitte unten mit deinem Finger signieren; nach Unterzeichnung wird dir der Kontrakt sofort per E-Mail zugesandt.“ Harald setzt ein Häkchen bei Abo A/ B und unterschreibt. Gleich darauf werden Annas Augen wieder klar und glänzend. In die Stille hinein summt Haralds Smart-Watch: Nachricht von Delta Evolutions.
In den kommenden Wochen geht es Harald besser. Endlich wieder jemand an seiner Seite. Anna programmiert Drohnen für den Einkauf, erledigt die Wäsche und kümmert sich um die Wohnung. Seine ehemalige Bärenhöhle sieht frisch gewienert aus. Keine leeren Bierflaschen stehen mehr achtlos im Flur, keine Pizzakartons stapeln sich hoch bis zur Decke. Endlich kann er alle Gedanken loswerden. Tagelang spricht Harald über seine Ängste und Sorgen, redet von Glücksmomenten, Sehnsüchten und natürlich von Sarah. Er schüttet Anna sein Herz aus. Monsungleich platzen alle angestauten Gefühle heraus. Der ganze Schmutz, der ganze Wahnsinn und das bisschen Glück.
Doch irgendwann kommen Harald erste Zweifel. Anna ist zwar fleißig und empathisch, hat aber keinen eigenen Willen, keine eigene Meinung. Wie ein Fähnchen im Wind passt sie sich ihm an, orientiert sich an seinen Wünschen und Bedürfnissen. Einerseits ist dies komfortabel, andererseits langweilt es ihn zunehmend. Dazu ständig diese nutzlosen Statistiken: „Harald, wusstest du schon, dass 78 Prozent aller Menschen ihre Cola ohne Zuckerzusatz trinken?“
„Nein, weiß ich nicht, ist mir auch scheißegal – ich will jetzt eine Cola mit Zucker, verdammt!“
Und überhaupt, die permanente Überwachung! Je mehr er darüber nachdenkt, desto abstruser erscheint es ihm. Da sitzt irgendwo in der riesigen Firmenhalle von Delta Evolutions „etwas“, das ihn rund um die Uhr bespitzeln kann. Wie im uralten Film „Truman Show“, wo alles beobachtet und manipuliert wurde. Kennt man also schon all seine Ängste, Wünsche und Träume? Harald weiß es nicht! Aber Truman möchte er definitiv nicht sein!
Am Abend legt Anna ihren Kopf auf seine Schulter und streichelt ihn mit der Hand. Wieder erzeugt die Berührung bei ihm einen wohligen Schauer. Sie hebt ihren Kopf und blickt ihn an.
„Harald, ich erkenne einen erhöhten Puls, möchtest du nun das Zusatzabo E: Sexuelle Gefälligkeiten buchen? Hierfür werden lediglich 19,99 Euro fällig.“ Harald erschrickt und sieht Anna an. Während seine rechte Hand zärtlich über ihre Wange gleitet, drückt die Linke eisern den Knopf an ihrem Hals.
„Danke für die schöne Zeit.“ Anna erstarrt. Harald schaut in erloschene Funkelperlenaugen.

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